Tauben in Deutschland

Vier Wildtaubenarten, eine verwilderte Haustaubenart – und ein großes Missverständnis.

Vier Wildtaubenarten, eine verwilderte Haustaubenart – und ein großes Missverständnis.

Kropfmilch – das Besondere aller Tauben

Alle Taubenarten füttern ihre frisch geschlüpften Küken in den ersten 8–10 Lebenstagen ausschließlich mit Kropfmilch – einem nährstoffreichen Sekret, das beide Elternteile im Kropf bilden. Es enthält Proteine, Fette, Vitamine, Mineralien und sogar immunisierende Stoffe. Das macht Tauben einzigartig unter den Vögeln Mitteleuropas. Nach etwa zehn Tagen wird die Kropfmilch schrittweise durch feste Nahrung ersetzt.

1. Die Ringeltaube

Columba palumbus

  • Größte heimische Taubenart
  • Erkennungsmerkmale: weiße Flügelbänder, weißer Halsfleck, grün schimmerndes Nackenband
  • Lebensraum: Wälder, Parks, Alleen, zunehmend auch Stadtzentren
  • Brutzeit: April – September | 2–3 Bruten pro Jahr | 2 Eier | Brutdauer 16–18 Tage
  • Häufigste Nichtsingvogelart Deutschlands: ca. 2,2–2,6 Mio. Brutpaare
  • Status: Wildtier | jagdbar (1. Nov. – 20. Feb.)

2. Die Türkentaube

Streptopelia decaocto

  • Zierlicher und schlanker als die Stadttaube – trotz ähnlicher Größe
  • Erkennungsmerkmale: hellbeiges/graues Gefieder, charakteristischer schwarzer Nackenstreifen (nur adulte Tiere), rötliches Auge mit weißem Augenring
  • Lebensraum: Dörfer, Städte, Parkanlagen – typischer Kulturfolger
  • Brutzeit: März – September | bis zu 5 Bruten pro Jahr | 2 Eier | Brutdauer 13–14 Tage
  • Ursprung: Stammt aus Kleinasien, wanderte erst ab den 1930er Jahren nach Europa ein – keine ursprünglich heimische Art
  • Status: Wildtier | jagdbar in 11 Bundesländern (1. Nov. – 20. Feb.)

3. Die Hohltaube

Columba oenas

  • Mittelgroß, unauffälliger als Ringeltaube – kein weißer Halsfleck
  • Erkennungsmerkmale: blaugraues Gefieder, orangefarbener Brustschimmer
  • Lebensraum: Alte Laubwälder mit natürlichen Baumhöhlen
  • Brutzeit: März – September | 2 Bruten pro Jahr | 2 Eier | Brutdauer 16–18 Tage
  • Besonderheit: Brütet ausschließlich in Baumhöhlen – vollständig abhängig von altem Baumbestand
  • Status: Wildtier | ganzjährig geschont

4. Die Turteltaube

Streptopelia turtur

  • Kleinste heimische Wildtaube
  • Erkennungsmerkmale: rostbraunes Gefieder, schwarz-weiße Halsstreifen, unverwechselbar farbenfrohes Erscheinungsbild
  • Lebensraum: Halboffene Landschaften, Waldränder, Hecken
  • Brutzeit: Mai – August | 1–2 Bruten pro Jahr | 2 Eier | Brutdauer 15 Tage
  • Zugvogel: Überwintert in Afrika
  • Bestandssituation: Rückgang von über 40% in 12 Jahren | Rote Liste – vom Aussterben bedroht
  • Vogel des Jahres 2020
  • Status: Wildtier | ganzjährig geschont

5. Die Stadttaube

Columba livia forma domestica

  • Mittelgroß | Gefieder sehr variabel: grau, gescheckt, dunkel, rötlich – je nach Einkreuzung
  • Erkennungsmerkmale der Wildform: hellgrauer Rücken, zwei schwarze Flügelbinden, blaugrauer Kopf
  • Lebensraum: Städte und Dörfer – auf Menschennähe angewiesen
  • Brutzeit: Ganzjährig | bis zu 8 Bruten pro Jahr möglich | 2 Eier | Brutdauer 17–18 Tage
  • Führt in der Regel lebenslange, monogame Partnerschaften

Herkunft & rechtliche Besonderheit: Die Stadttaube ist kein Wildtier. Sie stammt von der Felsentaube ab, die vom Menschen über Jahrtausende zur Haus- und Brieftaube gezüchtet wurde. Entflogene und ausgesetzte Tiere haben sich in Städten angesiedelt und vermehrt. Gerichte haben bestätigt: Stadttauben gelten rechtlich als verwilderte Haustiere.

Warum ist das relevant?

  • Kein natürlicher Instinkt zur Futtersuche in der freien Natur
  • Ganzjähriger Brutzwang – anders als alle Wildtaubenarten
  • Findet in Städten kein artgerechtes Futter – lebt von menschlichen Abfällen (Brot, Pommes, Speisereste)
  • Brot und Backwaren sind für Tauben schädlich: führt zu Mangelernährung, weicherem Kot und erhöhtem Parasitenbefall
  • Status: Kein Wildtier | kein Jagdrecht | untersteht dem Tierschutzgesetz

6. Die Rassetaube

(Oberbegriff für gezüchtete Haustauben)

  • Über 500 verschiedene Rassen weltweit, gezüchtet nach optischen und leistungsbezogenen Merkmalen
  • Vollständig auf den Menschen angewiesen – in der freien Natur nicht überlebensfähig
  • Schlechter Orientierungssinn, kaum in der Lage selbstständig Futter und Wasser zu finden
  • Bekannte Vertreter: Pfautaube, Kröpfer, Mövchen – und die sogenannte Hochzeitstaube

Zur Hochzeitstaube: Hochzeitstauben sind weiße Rassetauben, die bei Feiern losgelassen werden. Da sie keinen funktionierenden Heimfindeinstinkt besitzen, sind viele dieser Tiere nach dem Loslassen nicht überlebensfähig. Tierschutzorganisationen warnen ausdrücklich vor dieser Praxis.

  • Status: Haustier | untersteht dem Tierschutzgesetz

Vergleichstabelle

Merkmal Ringeltaube Türkentaube Hohltaube Turteltaube Stadttaube
Größe Groß Mittel Mittel Klein Mittel
Wildtier
Jagdbar ✓*
Brutmonate Apr–Sep Mrz–Sep Mrz–Sep Mai–Aug Ganzjährig
Bruten/Jahr 2–3 bis 5 2 1–2 bis 8
Brutdauer 16–18 Tage 13–14 Tage 16–18 Tage 15 Tage 17–18 Tage
Bestand D. 2,2–2,6 Mio. 110.000–210.000 selten stark rückläufig 190.000–310.000
Kropfmilch

*in 11 von 16 Bundesländern


Vier der fünf Taubenarten, die wir täglich sehen, sind Wildtiere. Die Stadttaube ist es nicht. Sie ist das Ergebnis menschlicher Zucht – und menschlicher Verantwortungslosigkeit. Wir haben sie geschaffen. Wir sollten uns um sie kümmern.

Infografik

Taubenarten in Deutschland – Infografik